Die 8 Phasen der EMDR-Therapie erklärt

Veröffentlicht 4. Oktober 2026 · Aktualisiert 25. Oktober 2026

EMDR wird oft auf „die Augenbewegungen“ reduziert, doch die bilaterale Stimulation ist nur ein Teil eines strukturierten Protokolls mit acht Phasen, das Francine Shapiro entwickelt hat. Jede Phase hat ihr eigenes Ziel, und wird eine übersprungen, ist das ein häufiger Grund dafür, dass die Verarbeitung stockt oder ein Klient eine Sitzung überflutet verlässt. Dieser Ratgeber geht die Phasen der Reihe nach durch, mit Hinweisen darauf, was Sie bei der Arbeit online anpassen sollten.

Warum die Struktur wichtig ist

EMDR beruht auf dem Modell der adaptiven Informationsverarbeitung (Adaptive Information Processing, AIP). Belastende Erfahrungen, die nie vollständig verarbeitet wurden, bleiben mit ihren ursprünglichen Bildern, Gefühlen, Körperempfindungen und Überzeugungen gespeichert und werden in der Gegenwart erneut ausgelöst. Die acht Phasen sorgen dafür, dass der Klient stabil genug ist, um solche Erinnerungen zuzulassen, dass eine Erinnerung auf messbare Weise aktiviert wird und dass jede Sitzung sicher endet.

Diese Struktur verlangen auch die Leitlinien. Die NICE-Leitlinie zur PTBS etwa sagt, dass EMDR auf einem validierten Manual beruhen und von ausgebildeten Behandlern mit laufender Supervision durchgeführt werden soll.

Phase 1: Anamnese und Behandlungsplanung

Der Therapeut erhebt die Vorgeschichte, die aktuellen Beschwerden und die Ziele des Klienten und prüft, ob EMDR im Moment geeignet ist. Gemeinsam legen sie die Targets fest, also die Themen der Verarbeitung: Ereignisse aus der Vergangenheit, die dem Problem zugrunde liegen, aktuelle Situationen, die es auslösen, und künftige Situationen, mit denen der Klient anders umgehen möchte. Diese Abfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird oft als dreigliedriges Vorgehen (three-pronged approach) bezeichnet. Eine Erinnerung, die als Target verarbeitet wird, heißt Zielerinnerung. Auch das Screening auf Dissoziation gehört in diese Phase, zum Beispiel mit der Dissociative Experiences Scale (DES; deutsche Fassung: Fragebogen zu dissoziativen Symptomen, FDS).

Online: Notieren Sie auch die Adresse, von der aus der Klient meist teilnimmt, einen Notfallkontakt und die örtliche Notrufnummer. Sie brauchen diese Angaben, wenn eine Sitzung schiefgeht.

Phase 2: Vorbereitung

Der Therapeut erklärt, wie EMDR funktioniert, vereinbart ein Stoppsignal und vermittelt dem Klienten Wege, seine Gefühle zu regulieren, etwa die Übung zum sicheren Ort oder die Tresorübung. Ziel ist, dass der Klient die Belastung aushalten kann, die die Verarbeitung auslösen kann, und in die Gegenwart zurückfindet. Bei Klienten mit komplexer Traumatisierung kann diese Phase viele Sitzungen dauern.

In dieser Phase gewöhnt sich der Klient auch an die bilaterale Stimulation selbst: an Geschwindigkeit, Größe und Art, die sich angenehm anfühlen. Unser Ratgeber zu sicherem Ort, Tresor und Ressourcenübungen behandelt diese Phase ausführlich.

Online: Testen Sie den Reiz auf dem Bildschirm und mit den Kopfhörern des Klienten jetzt, nicht mitten in einem Verarbeitungsset.

Phase 3: Bewertung

Der Therapeut aktiviert die Zielerinnerung auf strukturierte Weise. Der Klient benennt:

  • das Bild, das den schlimmsten Teil der Erinnerung darstellt,
  • die negative Kognition (NK): eine Überzeugung über sich selbst im Präsens, etwa „Ich bin machtlos“,
  • die positive Kognition (PK), die er lieber glauben würde, etwa „Ich kann mich jetzt schützen“, bewertet auf der Skala für die Stimmigkeit der Kognition (Validity of Cognition, VoC, 1–7),
  • die Gefühle, die er jetzt spürt, wie belastend es sich auf der SUD-Skala (0–10) anfühlt und wo er es im Körper spürt.

Mit diesen Ausgangswerten können Sie den Fortschritt messen. Siehe So nutzen Sie die SUD- und VoC-Skala.

Phase 4: Desensibilisierung

Der Klient hält die Zielerinnerung im Bewusstsein und folgt dabei Sets bilateraler Stimulation. Nach jedem Set stellt der Therapeut eine kurze, offene Frage („Was nehmen Sie jetzt wahr?“) und sagt für das nächste Set meist „Gehen Sie damit weiter“, ohne den Assoziationen des Klienten im Weg zu stehen. Wenn sich die Verarbeitung im Kreis dreht oder stockt, kann der Therapeut Richtung, Geschwindigkeit oder Art der Stimulation ändern oder ein kognitives Einweben (cognitive interweave) nutzen: eine kurze Frage oder Bemerkung, die eine Information einbringt, die dem Klienten fehlt.

Die Phase dauert an, bis der SUD-Wert 0 ist, oder 1, wenn eine kleine verbleibende Belastung in der Situation des Klienten stimmig ist. Das nennt man ökologische Validität.

Online: Sie müssen das Gesicht des Klienten zwischen den Sets sehen, am besten auch währenddessen. Ein zweites Gerät für den Videoanruf hilft.

Phase 5: Verankerung

Der Therapeut prüft, ob die ursprüngliche positive Kognition noch passt oder ob sich eine bessere ergeben hat. Der Klient hält dann die positive Kognition zusammen mit der Zielerinnerung während Sets bilateraler Stimulation fest. Nach jedem Set fragt der Therapeut nach dem VoC-Wert, mit dem Ziel 7: völlig zutreffend.

Phase 6: Körpertest

Mit der Zielerinnerung und der positiven Kognition im Bewusstsein geht der Klient in Gedanken seinen Körper von Kopf bis Fuß durch. Verbleibende Anspannung oder ungewöhnliche Empfindungen werden mit weiteren Sets verarbeitet, bis sich der Körper frei anfühlt. Ein Körpertest ohne Restspannung ist ein Zeichen dafür, dass die Zielerinnerung vollständig verarbeitet ist.

Phase 7: Abschluss

Jede Sitzung endet mit einem Abschluss, ob die Zielerinnerung vollständig verarbeitet ist oder nicht. Ist sie es nicht, hilft der Therapeut dem Klienten, das Verbleibende wegzupacken und in einen ruhigen Zustand zurückzukehren, etwa mit dem sicheren Ort oder der Tresorübung. Der Therapeut erklärt, dass die Verarbeitung zwischen den Sitzungen weitergehen kann und dass neue Erinnerungen, Träume oder Einsichten auftauchen können, und bittet den Klienten, sie in einem kurzen Tagebuch festzuhalten.

Online: Der Klient ist nach dem Anruf sofort wieder in seinem häuslichen Alltag. Planen Sie mindestens zehn Minuten für den Abschluss ein und vergewissern Sie sich, dass er orientiert und sicher ist, bevor Sie auflegen.

Phase 8: Neubewertung

Zu Beginn der nächsten Sitzung blickt der Therapeut auf die Zielerinnerung der vorigen Sitzung zurück. Wie hoch ist der SUD-Wert jetzt? Hat die positive Kognition gehalten? Was steht im Tagebuch? Ist die Zielerinnerung verarbeitet, geht die Arbeit mit dem nächsten Target aus dem Plan weiter: weiteren Erinnerungen aus der Vergangenheit, dann aktuellen Auslösern und schließlich einem Zukunftsentwurf (future template), in dem sich der Klient vorstellt, wie er eine künftige Situation mit seinen neuen Ressourcen bewältigt.

Wie viele EMDR-Sitzungen sind nötig?

Das hängt von der Zahl und Art der traumatischen Erfahrungen ab. Für Erwachsene mit PTBS sagt die NICE-Leitlinie, dass EMDR in der Regel 8 bis 12 Sitzungen umfasst, bei klinischem Bedarf mehr, etwa nach mehreren Traumata. Phase 1 und 2 können in einer Sitzung abgeschlossen sein, manchmal sind aber mehrere Sitzungen nötig. In Phase 3 bis 8 kann eine Zielerinnerung in einer Sitzung bearbeitet werden, es kann aber auch mehrere Sitzungen dauern, bis eine Zielerinnerung verarbeitet ist.

Die Phasen mit Remote EMDR durchführen

  • Phase 1 bis 3 sowie 7 und 8 sind überwiegend Gespräch. Führen Sie sie wie gewohnt in Ihrem Videoanruf durch.
  • Für die bilaterale Stimulation in Phase 2, 4, 5 und 6 senden Sie dem Klienten den Patientenlink. Er sieht nur den Reiz; Sie starten und stoppen die Sets und passen Geschwindigkeit, Muster und Ton über die Werkzeugleiste an.
  • Mit einem kostenlosen Konto können Sie SUD- und VoC-Werte und Sitzungsnotizen in einer Patientenakte führen, sodass die Neubewertung in Phase 8 von Ihren eigenen Aufzeichnungen ausgeht.

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