EMDR auf Distanz: ein praktischer Ratgeber

Veröffentlicht 27. September 2026 · Aktualisiert 25. Oktober 2026

Online-EMDR begann während COVID-19 als Notlösung. Heute gehört es in vielen Praxen zum Alltag. Das Protokoll selbst ändert sich nicht, wenn Sie auf Distanz arbeiten: Die acht Phasen, die Wahl der Zielerinnerungen (Targets), SUD und VoC bleiben gleich. Die praktische Seite ändert sich dagegen. Sie müssen entscheiden, wie der Klient die bilaterale Stimulation erhält, wie Sie ihn über eine Kamera beobachten und was Sie tun, wenn etwas schiefgeht. Um diese praktische Seite geht es in diesem Ratgeber.

Wirkt Online-EMDR?

Zu EMDR auf Distanz gibt es weniger Forschung als zu EMDR in der Praxis, aber es kommt laufend mehr hinzu. Eine systematische Übersichtsarbeit in Frontiers in Psychiatry wertete 16 Studien mit 1.231 Teilnehmern aus. Untersucht wurden Einzel- und Gruppen-EMDR auf Distanz sowie computergestützte Protokolle zur Selbstanwendung; zusammen zeigten sie einen vielversprechenden Rückgang von PTBS-Symptomen, Angst und Depression. Die Autoren weisen auch auf die Grenzen hin: kleine Stichproben, wenige Kontrollgruppen und die Abhängigkeit von Selbstauskünften. In der Praxis bieten inzwischen viele EMDR-Therapeuten routinemäßig Online-Sitzungen an, mit einigen Anpassungen, die unten beschrieben sind.

Was Sie brauchen

  • Eine Videoplattform, die Sie bereits für die Gesprächsteile nutzen: Anamnese, Vorbereitung, SUD/VoC und Abschluss. Wählen Sie eine, die Ihren Datenschutzpflichten entspricht (in der EU der DSGVO).
  • Ein separates Tool für bilaterale Stimulation, das der Klient in seinem Browser öffnet. Einen bewegten Punkt per Bildschirmfreigabe im Videoanruf zu zeigen, funktioniert schlecht: Durch Kompression und ausgelassene Bilder ruckelt die Bewegung, und der Klient sieht Ihren ganzen Desktop.
  • Beim Klienten: ein Laptop oder größerer Bildschirm (ein Smartphone ist für Augenbewegungen zu klein), eine stabile Verbindung, Kopfhörer, wenn Sie auditive Stimulation nutzen, und ein privater Raum, in dem er nicht gestört wird.

Schritt für Schritt mit Remote EMDR

  1. Starten Sie Ihren Videoanruf wie gewohnt und fragen Sie, wie es dem Klienten geht.
  2. Öffnen Sie Remote EMDR und klicken Sie auf Sitzung starten. Eine private Sitzung wird automatisch für Sie erstellt.
  3. Kopieren Sie den Patientenlink im Bereich Teilen und senden Sie ihn im Chat Ihres Videoanrufs.
  4. Der Klient öffnet ihn in einem neuen Browser-Tab oder auf einem zweiten Bildschirm. Er sieht nur den Reiz im Vollbild, ohne Menüs oder Bedienelemente.
  5. Passen Sie Geschwindigkeit, Muster (links-rechts, oben-unten, Acht oder zufällig), Ballgröße, Farbe und optional den bilateralen Ton an. Änderungen erscheinen sofort auf dem Bildschirm des Klienten.
  6. Lassen Sie den Videoanruf weiterlaufen, damit Sie den Klienten hören und zwischen den Sets sehen können.

Tipp: Bitten Sie den Klienten, den Link auf seinem Laptop zu öffnen und dem Videoanruf mit einem zweiten Gerät beizutreten, etwa einem daneben aufgestellten Smartphone. So sehen Sie auch während der Sets sein Gesicht.

Sie müssen weder den Namen noch die E-Mail-Adresse Ihres Klienten eingeben, und Ihr Klient braucht kein Konto. Der Patientenlink enthält nur eine zufällige Sitzungs-ID.

Das Protokoll für die Arbeit auf Distanz anpassen

  • Nehmen Sie sich mehr Zeit für die Vorbereitung. Bauen Sie Ressourcen auf, etwa einen sicheren Ort und die Tresorübung, und stellen Sie sicher, dass der Klient sich selbst regulieren kann, bevor Sie mit der Verarbeitung beginnen.
  • Vereinbaren Sie ein Stoppsignal, das per Video funktioniert, etwa eine erhobene Hand. Wenn der Klient leise spricht, überhört man das per Video leicht.
  • Arbeiten Sie anfangs mit kürzeren Sets und fragen Sie öfter nach, bis Sie wissen, wie der Klient online reagiert.
  • Haben Sie einen Sicherheitsplan: die Adresse, an der sich der Klient während der Sitzung aufhält, die örtliche Notrufnummer und eine Person, an die er sich danach wenden kann.
  • Rechnen Sie mit einem Verbindungsabbruch. Vereinbaren Sie vorab, dass Sie den Klienten anrufen, wenn der Videoanruf abbricht. In der Zwischenzeit stoppt er den Reiz und macht eine Grounding-Übung, bis Sie wieder da sind.
  • Planen Sie Zeit für den Abschluss ein (Phase 7). Der Klient kann nach der Sitzung nicht zehn Minuten in Ihrem Wartezimmer sitzen, also bauen Sie diese Zeit in die Sitzung selbst ein.

Visuelle oder auditive Stimulation online?

Augenbewegungen sind die übliche Standardwahl, doch manche Klienten kommen mit Ton besser zurecht, zum Beispiel wenn der Bildschirm klein ist oder ihre Augen ermüden. Mit Kopfhörern funktionieren abwechselnde Töne links und rechts auf Distanz sehr gut. Unser Ratgeber zu visueller oder auditiver bilateraler Stimulation vergleicht die Möglichkeiten.

Wann Sie Präsenzsitzungen in Betracht ziehen sollten

Ziehen Sie Präsenzsitzungen in Betracht, wenn der Klient stark dissoziiert oder häufig heftige Abreaktionen hat, wenn akute Suizidgefahr besteht, wenn es zu Hause keinen sicheren, privaten Raum gibt oder wenn die Verbindung zu unzuverlässig ist. Das sind klinische Ermessensentscheidungen. Viele Therapeuten beginnen online und wechseln bei Bedarf zu Präsenzsitzungen.

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